Genesung II

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Die drei Teilkonzepte für die im Folgenden beschriebenen drei Kunststandorte nehmen sich die Zeitlichkeit des Genesungsprozesses zum Hauptthema. Ein Krankenhausaufenthalt bedeutet für die allermeisten Menschen eine Unterbrechung ihres Alltags. Der Begriff »Genesung« impliziert eine Rückkehr zum Normalzustand. Alle drei Teile des Entwurfs versuchen auf unterschiedliche Weise, die Zeitlichkeit der Heilung zu beschreiben und den Blick auf die Genesung zu richten. Damit greifen die Entwürfe eine ganz ähnliche Thematik auf, wie die der Skulptur »Genesung« von Reginald Richter, die nach Abschluss des Bauvorhabens wieder ihren Platz vor dem Haupteingang des Bettenhochhauses finden wird. Wie der Titel andeutet, versteht sich das Gesamtkonzept als Verneigung vor dieser bestehenden künstlerischen Intervention – die sich final im Zentrum befinden wird – und will alternative Wege der Vermittlung ihrer Kernaussage beschreiten.

Die großformatige Beschriftung »Genesung« markiert den Zugang zum Vorplatz und zum Bettenhochhaus der Charité. Der Schriftzug an der Brandwand dient zum einen der Adressbildung in der Luisenstraße, während er die schwierige städtebauliche Situation plakativ ausnutzt. – Die allgegenwärtige Beschilderung in den Klinikgebäuden wird heiter-ironisch thematisiert. Ein Pfeil weist auch hier den Weg zur Genesung. – Zum anderen ergibt sich dank der Fassade des Bettenhochhauses ein besonderes Lichtspiel: Im Verlauf eines Tages reflektieren die Scheiben der Südfassade das Sonnenlicht gegen die Brandwand. Die Richtung der langsam-stetig vorbeiziehenden Reflexionen wird ebenfalls durch den Pfeil vor dem Schriftzug markiert. Jede einzelne Reflexion kann als Repräsentation eines einzelnen Bettenzimmers verstanden werden. Die Zeitlichkeit des Aufenthalts und des damit verbundenen Genesungsprozesses wird versinnbildlicht.

Der Begriff »Genesung« findet an der Brandwand unterstehend Entsprechungen in den Sprachen Türkisch, Russisch, Chinesisch, Arabisch, Englisch und Hebräisch. Die Auswahl der Sprachen erfolgte unter Berücksichtigung aktueller Statistiken, welche die Einwanderergruppen Berlins nach Häufigkeit sowie die Zahlen internationaler Studierender und Beschäftigter an der Charité erfassen. In Abstimmung mit der Bauherrin können Sprachen ergänzt oder ersetzt werden. Die Vielsprachigkeit ist nicht nur ein Versuch der Selbstvermittlung der Arbeit, sondern soll auch als Willkommensgruß an Patient_innen und Gäste unterschiedlicher Herkunft gelten.

Die weiße Beschriftung wird in der Dämmerung und Nacht durch ihre Rückbeleuchtung hervorgehoben. Dessen grünliche Farbigkeit orientiert sich an der Glasfarbe der Neubauten. Am Tage treten die Texte mittels ihrer Erhabenheit reliefartig hervor. Die gewählte Farbe für die Brandwand selbst ist aus dem Versuch einer Vermittlung zwischen den Farbschemata des historischen Bestands, den Bauten der achtziger Jahre und der neuen Fassade des Hochhauses entwickelt. Die gestalterische Reduktion will vor allem aufgeräumt wirken angesichts einer großen baulichen Heterogenität und umfassenden Möblierung mit technischen Anlagen im unmittelbaren Umfeld. Die Wand selbst kann als historische Reminiszenz verstanden werden, ist Berlin doch schon in den vorigen Jahrhunderten vom Bild der Brandwand geprägt, welche wiederum immer auch großformatigen Beschriftungen als Träger diente.

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Im Foyer ziert ein Neonschriftzug zentral die Galerie:

»Nur eine Weile muß vergehn;
Dann ist auch dieses überstanden.
Dann wird mit hell euch zugewandten
Augen das Neue vor euch stehn.« 

Dieser Auszug aus dem Gedicht »Über eine Weile – –« des wahl-Berliner Schriftstellers und Kabarettisten Joachim Ringelnatz greift wiederum die Zeitlichkeit des Genesungsprozesses auf. Als ein hoffnungsfroher Zuspruch und eine Aufforderung zu Geduld, stellt die Zeile das Danach in Aussicht. Das Krankenhaus, das grade in der Dimension des Bettenhochauses der Charité, beim Betreten zunächst einschüchternd wirken mag, bekommt unmittelbar ein menschliches Antlitz verliehen. Unterstrichen wird dies auch typografisch mittels der geschmeidigen Handschrift in der der Schriftzug angelegt ist. Der Geist des Dienstes, in den sich die Mitarbeiter_innen dieser Institution gestellt haben, wird spürbar. Inhaltlich wird – durch die Wahl des Autors – eine säkular-humanistische Weltanschauung betont.

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Die Wandfläche des OP/ITS-Gebäudes trägt eine Installation aus 35 farbig gestalteten Paneelen. Es handelt sich um skalierte, zeichnerisch ausgestaltete Genesungskarten. Aus den Fenstern in jedem Geschoss, aus den Wartebereichen und Behandlungszimmern fällt der Blick auf Teile der Gesamtanordnung und lädt zur Entdeckung der Installation ein. Jede der acht Reihen erzählt eine andere Geschichte, die sowohl vorwärts als auch rückwärts gelesen werden kann. Zwischen Anfang und Ende beschreiben die jeweiligen Bildgeschichten humorvoll einen Perspektivwechsel. In den Bildfolgen wird eine Geste des Blicks vollzogen, die eine Geschichte hinter dem Zustand Krankheit – der auch durch den Empfang von Genesungskarten charakterisiert ist – offenbart. Vom Kartenmotiv wandert der Blick zu einem phantastisches Detail innerhalb desselben, das einen Glücksmoment oder ein persönliches Vorhaben nach der Krankheit beschreiben kann. Die Idee ist, vom Moment des Krankenhausaufenthalts den Blick in die Zukunft, vorwärts zur Normalität, zu richten, oder besser gesagt, gedanklich eine poetische Reise zum Glück zu unternehmen.

Einige der Karten sind mit typischen Genesungswünschen beschriftet, jeweils in einer anderen Sprache. Die Karten im Hoch- und Querformat sind teilweise als Klappkarten entworfen. Hebräische und arabische Beschriftungen geben nicht nur den Hinweis auf eine mögliche Leseweise von rechts nach links, sondern fordern auch nach rechts aufschlagende Klappkarten. Das leichte Aufwölben an den Rändern der Anordnung mittels der Klappkarten dient der räumlichen Fassung. Die sprachliche Variation ist ein Verweis auf die geforderte und gelebte transkulturelle Kompetenz im Berliner Krankenhausalltag. Zugleich soll die Vielsprachigkeit das Willkommenssein von Patient_innen unterschiedlicher Herkunft unterstreichen. Eine Ausführung in emailliertem Blech gewährleistet einerseits die Langlebigkeit und Farbechtheit der Gestaltungen und soll andererseits eine Erinnerung an historische Krankenhausausstattungen wecken.

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Eine kleine Auswahl von Kartenmotiven in gedruckter Form, die beispielsweise in der Cafeteria des Gebäudes ausliegen, kann sowohl als künstlerischer Werbeträger der Charité als auch als ortsspezifische Möglichkeit für Besucher_innen dienen, ihre Genesungswünsche an Patient_innen zu übermitteln.

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Beitrag im Kunst-am-Bau-Wettbewerb Charité – Universitätsmedizin Berlin, Campus Mitte, Sanierung des Bettenhochhauses und Neubau OP/ITS. 2. Phase.

Besonderer Dank gilt
Sandra Lange für die Projektmitarbeit.