Grenzziehungen – Kunst-am-Bau-Wettbewerb Deutscher Bundestag

Grenzziehungen Perspektive

In diesem Jahr ist die Teilung Berlins erstmals länger vorbei, als sie Bestand hatte. An kaum einem anderen Ort auf der Welt, hier, in der Mitte der Stadt, wird die Temporalität von Grenzziehungen angesichts der neueren Geschichte deutlicher. Berlin bekennt sich dazu, ein weltweit gültiges Symbol einer besonderen historischen Entwicklung zu sein. Deutlich wird bei einem Streifzug durch die Hauptstadt auch, wie Grenzen zu faktischen (und fallweise tödlichen) Organisationen von Undurchlässigkeit und Durchlässigkeit werden konnten. Grenzen vermögen Schicksale von Menschen zu bestimmen. – Im vorgeschlagenen Projekt soll es um die stete Vorläufigkeit und Veränderlichkeit, um das Erkennen und um das Verlernen von Grenzen gehen. Die Arbeit soll ein Bewusstsein darüber aufrechterhalten, dass Grenzziehungen, so bedeutsam sie momentan sein mögen, doch als politisches Konstrukt ephemer bleiben und sich nicht unveränderlich physisch ausbilden. »Die Grenze ist nicht eine räumliche Tatsache mit soziologischen Wirkungen, sondern eine soziologische Tatsache, die sich räumlich formt.« [Georg Simmel, Soziologie des Raumes, 1995, S. 133]

Erstarkende Nationalismen und ein debattenbestimmendes Wachstum der Zuwanderung geben Grenzen in und um Europa heute neue Bedeutung. Die Vision des Friedensprojekts Europäische Union sah einst die Abschaffung von Grenzkontrollen vor. Stattdessen ist derzeit vielerorts die Neueinrichtung dieser Kontrollen zu beobachten. Die Europäische Frage umfasste immer den Aspekt einer Ausformung als geographisches Gebilde: Bis wohin wächst die EU? Wo werden die Außengrenzen verlaufen? Wo liegt ihr Zentrum? Diese Fragen stellen sich nach wie vor. Auch die geographische Grenze des europäischen Kontinents wurde nie abschließend geklärt. Geomorphologische Gegebenheiten ändern sich zudem: Meeresspiegel steigen, Flussverläufe wandern, Gletscher schmelzen ab. – Es gilt womöglich zu akzeptieren und dabei auch zu vermitteln, dass es einen finalen Grenzverlauf per se nicht gibt. Grenzen unterliegen sich wiederholender Neuaushandlung, was auch das Selbstverständnis von Regionen und Territorien betrifft. Entscheidend ist, dass politisch Verantwortliche sich argumentativ nicht auf feste, oder/und überlieferte Staatsgebilde berufen, sondern dass Veränderlichkeit bestimmend bleibt für geopolitische Situationen. [Vgl. a. Andreas Rüesch, Europas unscharfe Ränder, NZZ, 9. Dezember 2017]

Grenzziehungen Detail

Die geplante Arbeit will die Aushandlungsprozesse und die Ephemeralität von Grenzziehungen ästhetisch erfahrbar machen. Die Wandfläche – eine anthrazitfarbene Tafel – dient einer unikalen Kartographie. Zwei Personen werden diese Fläche situativ, ortsbezogen ausnutzen, um in einem zeichnerischen Diskurs eine Karte zu erarbeiten. Im Zentrum steht ein Europa, das selbst durch historische Entwicklungen immer neue Grenzverläufe erfuhr. So werden in der Auseinandersetzung Grenzen gezeichnet, verwischt, verschoben, neugezeichnet und/oder hervorgehoben. Zwei Zeichnende unterstützen und korrigieren sich gegenseitig. Ein Bildwissen entsteht plural aus Erfahrenem und Geglaubtem. Das Zeichenmaterial ist Kreide. Ein Material, das nicht nur diese Form der performativen Auseinandersetzung erlaubt, sondern auch eine besondere Ästhetik erzeugt. Das sich einstellende Bild wirkt auch nach Abschluss der grafischen Aushandlung empfindlich und angreifbar. Es wird nicht chemisch fixiert, sondern nach Fertigstellung durch eine Glasscheibe geschützt.

Grenzziehungen Detail

Grenzziehungen technische Zeichnungen

Entwurf und Probe-Performance gemeinsam mit Dennis Pohl.
2. Preis im Kunst-am-Bau-Wettbewerb Deutscher Bundestag, Neubau Schadowstraße Berlin.